Mehrsprachigkeit bei Kindern — eine Chance, kein Hindernis

"Snackt mehr Platt mit Juun Kinner!"

ins Internet gestellt mit freundlicher Genehmigung der Autorin Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Els Oksaar
von der ND@SH Arbeitsgrupp Nedderdüütsch för Sleswig-Holsteen, www.nd-sh.de

"Der Schutz der geschichtlich gewachsenen Regional- oder
Minderheitensprachen Europas trägt zur Erhaltung und Entwicklung der Traditionen und des kulturellen Reichtums Europas bei."
Europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen, die auch für Niederdeutsch gilt

"Das Land fördert die Pflege der niederdeutschen Sprache."
Verfassung des Landes Schleswig-Holstein und des Landes Mecklenburg-Vorpommern

Dr. Dr. h.c. mult. Els Oksaar
Professorin für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg

Zweisprachigkeit
Hochdeutsch-Niederdeutsch
aus psycho-, sozio- und pädolinguistischer Sicht

- Leitsätze -

A. Wissenschaftliche Forschungen der letzten 100 Jahre haben gezeigt, warum frühe Mehrsprachigkeit für ein Kind nützlich ist:

1. Sie begünstigt das analytische Denken des Kindes. Dadurch hat sie eine positive Einwirkung auf seinen Intellekt.

2. Sie gibt dem Kinde eine nuanciertere Auffassung von der Welt.

3. Sie erleichtert den Erwerb von weiteren Sprachen.

B. Mit der Mehrsprachigkeit soll man so früh wie möglich anfangen, weil das Kind spielend lernt.
Hier gibt es ein fast 100 Jahre altes Rezept: Eine Person — eine Sprache. Wenn die eine Person mit dem Kind konsequent die Sprache A spricht und die andere die Sprache B, dann ist dieses Kind bis zur Einschulung zweisprachig.


Vortrag

Der Stil der gesprochenen Sprache wurde bei der schriftlichen Version beibehalten.

Meine Damen und Herren,

ich freue mich wirklich sehr, hier bei Ihnen über ein aktuelles Thema sprechen zu dürfen. Leider kann ich kein Niederdeutsch. Ich könnte meinen Vortrag natürlich auf Schwedisch halten, Schwedisch und Niederdeutsch sind ja nahe verwandt. Aber Hochdeutsch eignet sich ja ebenso, denn es geht mir um die Sache, und es ist mir egal, in welcher Sprache ich darüber spreche, wenn ich weiß, dass Sie mich verstehen. Ich möchte bei Ihnen über ein Thema sprechen, das beinahe so alt ist wie die Menschheit selbst: Mehrsprachigkeit. Sie ist immer notwendig gewesen, denn ohne Mehrsprachigkeit konnten die Menschen miteinander nicht in Kontakt kommen. Im Mittelalter sahen viele Dichter und Politiker Mehrsprachigkeit als einen besonderen Reichtum an: "So viele Sprachen, wie ich kann, über so viele Zugänge zur Welt verfüge ich", das hat nicht nur Kaiser Karl V. gesagt. Sprachen sind auch verglichen worden mit Schlüsseln zur Welt. Je größer der Schlüsselbund, desto mehr Türen können geöffnet werden, desto mehr bereichernde Kontakte kann es geben.

Was ist Mehrsprachigkeit?

Ehe wir sie definieren, sei Folgendes festgestellt: Wir wissen, dass in der Weltstatistik ca. 70 % der Weltbevölkerung jeden Tag mehr als eine Sprache gebrauchen, dass sehr viele mehr als zwei Sprachen beherrschen und dass über 50 % der Kinder in der Schule eine andere Sprache hören als zu Hause. Also ist Mehrsprachigkeit das Normale, und Einsprachigkeit muss heute als etwas Unnormales angesehen werden. Unsere Bildungspolitiker scheinen das nicht wissen zu wollen, denn warum sonst fängt man in unseren Schulen so spät mit der ersten Fremdsprache an? Warum sonst wollen sie uns immer klarmachen, dass die Einsprachigkeit für das Kind am Anfang doch so wichtig sei? Ohne wissenschaftlich abgesicherte Beweise wird behauptet, man solle erst später, wenn die erste Sprache sich gefestigt habe, andere Sprachen lernen. Bei einer derartigen Argumentation wird aber vergessen, dass man diese nie unter denselben günstigen Bedingungen lernen kann wie die erstgelernte Sprache.

Mehrsprachigkeit kann als die Fähigkeit eines Menschen angesehen werden, zwei oder mehr Sprachen als Kommunikationsmittel zu verwenden und von einer Sprache in die andere hinüberzuwechseln, wenn die Situation es erfordert. Mehrsprachigkeit ist aber nie Gleichsprachigkeit. Kein Mensch beherrscht zwei, drei, vier, fünf usw. Sprachen kognitiv und emotionell gleich gut. Wissenschaftlich gesehen könnten wir die Qualität ganz genau ja gar nicht messen. Sprachbeherrschung besteht nämlich nicht nur darin, was geschrieben oder gesprochen wird, sondern auch darin, was man versteht. Wenn ich sage. "Heute ist schönes Wetter" — nun, was meine ich mit "schön"? Exakt können Sie das gar nicht bestimmen. Zwei Menschen können dasselbe sagen, aber ist es ist Verstehen auch dasselbe? Man hat keine Methoden zu untersuchen, was der andere exakt versteht. Die ganze Frage wird viel leichter, wenn wir wissen, dass es immer eine oder zwei Sprachen gibt, die dem Mehrsprachigen emotionell näher liegen. Darum kann Mehrsprachigkeit nicht als Gleichsprachigkeit verstanden werden. In der Regel ist es die erstgelernte Sprache, die den Menschen sozusagen ihre Herzenssprache ist.

Ich komme jetzt zu einer der zentralen Fragen, worüber ich mit Ihnen sprechen und auch diskutieren möchte, nämlich:

Wie kommt das Kind zu seinen Sprachen?

Die Antwort ist einfach. Durch die Aktivität seiner Umgebung, die den Grund zu seiner eigenen Aktivität legt. Ein Kind wird ja immer in eine Gruppe hineingeboren, auch wenn es nur eine Mutter-Kind-Gruppe ist. Gewöhnlich gehört dazu aber noch ein Vater, und es können da auch noch Großeltern und andere Verwandte sein. In dieser ersten Gruppe seiner Sozialisation findet das Kind seine ersten Beziehungsmöglichkeiten mit anderen Menschen, und die Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Durch die erste Sprache, die das Kind hört, festigen sich auch die Wurzeln und die Beziehungen zu anderen.

Nun kann es für das Kind aber von Anfang an auch zwei Sprachen geben, z. B. wenn die Mutter die Sprache A spricht und der Vater die
Sprache B. Sogar eine dritte Sprache kann dazukommen, die Großmutter kann die Sprache C sprechen, und das Vorschulkind nimmt dies alles auf, im wahrsten Sinne des Wortes spielend. Und es kann die drei Sprachen in seiner Kommunikation auch richtig einsetzen. Sieht man die Leichtigkeit, mit der dies geschieht, versteht man diejenigen nicht, die behaupten, es sei besser für das Kind, doch zuerst eine Sprache richtig zu beherrschen und dann erst die andere zu lernen. Denn das Kind ist ja dann schon ein erfahrener Muttersprachler und sieht daher die neue Sprache leicht durch die Brille der erstgelernten an. Das erklärt, warum so häufig Interferenzfehler, das heißt, Fehler, die durch den Einfluss der Muttersprache entstehen, im Zweitspracherwerbsprozess festzustellen sind. Deshalb sollte man fordern, dass die Verantwortlichen sich die Frage stellen: Warum sollte das Kind nicht, wenn Möglichkeiten da sind, von Anfang an mehrere Sprachen haben? Wenn es möglich ist, d.h. wenn es eine mehrsprachige Umgebung gibt, sollte man dem Kleinkind dies nicht vorenthalten. Im Gegenteil, man sollte es ermuntern. Ein Kind weiß ja am Anfang sogar nicht, dass es verschiedene Sprachen sind. Ein Kind weiß und erlebt, dass es von einem gewissen freundlichen Menschen, Frau oder Mann, diese und jene Lautfolgen hört, und lernt sie. Von einem anderen hört sie wieder andere und lernt diese auch, gleichzeitig mit den Situationen, in welchen sie verwendet werden. Kleinkinder nehmen Sprache auf wie ein Löschpapier, wenn Sie mir dieses Bild gestatten. Es handelt sich aber stets um eine aktive, keine passive Imitation.

Nun lautet eine weitere zentrale Frage:

Warum ist frühe Mehrsprachigkeit für Menschen so wichtig?

Ehe ich darauf eingehe, möchte ich hervorheben, dass ich bei Mehrsprachigkeit auch Dialekte einbeziehe. Es ist für einen Sprachwissenschaftler häufig nicht leicht, Sprache und Dialekt zu unterscheiden. Niederdeutsch ist natürlich eine Sprache. In der Geschichte war es eine wichtige europäische Sprache. In der Hansezeit konnte man mit den Handelskontoren in London, in Bergen, in Visby, in Nowgorod, in Tallin und anderswo alles auf niederdeutsch erledigen. Wenn gesagt wird, Niederdeutsch sei heute ein Dialekt, dann muss auch deutlich gezeigt werden, welches die Bestimmungskriterien sind. Diese hat man sprachlich gesehen gar nicht genau festlegen können. Wenn Niederdeutsch ein Dialekt des Hochdeutschen ist, dann muss rein sprachlich gesehen auch Schwedisch es sein, denn es gibt sehr viele Gemeinsamkeiten! Aber es sind ja auch außersprachliche Kriterien bei der Kategorisierung wirksam. Das nur nebenbei. Deshalb wird bei Mehrsprachigkeit kein Unterschied zwischen Sprache und Dialekt gemacht.

Wissenschaftliche Forschungen der letzten 100 Jahre haben gezeigt, warum frühe Mehrsprachigkeit für ein Kind nützlich ist.

Frühe Mehrsprachigkeit begünstigt sie das analytische Denken des Kindes.
Dadurch hat sie eine positive Einwirkung auf seinen Intellekt.
Sie gibt dem Kinde eine nuanciertere Auffassung von der Welt.
Sie erleichtert den Erwerb von weiteren Sprachen.

Jetzt spreche ich nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als Mutter. Es ist doch eine außerordentlich schnelle Entwicklung, die wir bei einem Vorschulkind beobachten können. Und was so ein zwei-, drei-, vierjähriges Kind alles merkt in seiner Umgebung, was es fragt und feststellt, ist bewundernswert. Die Fragen der Vorschulkinder sind faszinierend, aber schwer zu beantworten. Warum heißt Blume Blume? Was tut der Wind, wenn er nicht weht?

Können Sie mir das beantworten? Wenn ein Kind mit zwei Sprachen von Anfang an aufwächst, so sieht man durch seine Fragen, dass es auch vergleichende Analysen vornehmen kann, schon im Alter von drei bis vier Jahren.

Wir haben an meinem Lehrstuhl in Hamburg ein Projekt mit Kindern, die mit bis zu vier Sprachen aufwachsen. Wenn nun ein mit Schwedisch und Deutsch aufwachsendes Kind fragt: "Warum heißt es auf deutsch Blume und Blüte, aber auf schwedisch nur blomma?", um nur ein Beispiel unter vielen hervorzuheben, dann hat das Kind durch diese Frage gezeigt, dass es einen Ausschnitt aus seiner Lebenswelt gründlich analysiert und auch kontrastiert hat. Ein Kind, das noch nicht lesen und schreiben kann! Wenn das nicht analytisches Denken ist, was ist es dann? Die Psychologen stellen diese Fähigkeit erst bei älteren Kindern fest, es gibt sie aber, wie wir festgestellt haben, schon viel früher. Das Kind, das so gefragt hat, stellt fest, dass die "Sachen", die hier in Deutschland als Blume und als Blüte, also unterschiedlich bezeichnet werden, wenn man schwedisch spricht, alle die gleiche Bezeichnung haben: blomma. Dagegen wird demselben Kind klar, dass es auf schwedisch genau zwischen spela und leka unterscheiden muss, ihm aber auf deutsch für dieselben Situationen nur ein Wort spielen zur Verfügung steht. Auf schwedisch muss man ganz genau wissen: Wenn man Klavier spielt, dann ist es spela, ebenso, wenn man Karten spielt. Aber spielt man mit Puppen, dann ist es leka. Und so weiter. Das Kleinkind braucht ja die Regeln gar nicht zu kennen, mit erstaunlicher Schnelligkeit lernt es den richtigen Gebrauch durch die Anleitung oder auch nur durch die Beobachtung seiner Bezugsperson. Die Welt ist strukturiert durch die Wörter, durch die Sprachen. Je mehr Sprachen wir können, desto deutlicher sehen wir, wie dies durch verschiedene Mittel geschieht.

Mehrsprachigkeit begünstigt also das analytische Denken des Kindes. Dagegen kann niemand etwas sagen. Es gibt aber noch weitere gewichtige Argumente für die frühe Mehrsprachigkeit. Sie hat, u.a. dadurch, dass sie das analytische Denken des Kindes begünstigt, eine positive Einwirkung auf seinen Intellekt. Gerade für diesen Zweck wird, wie bekannt, allerlei pädagogisches Spielzeug konstruiert. Warum denkt man nicht daran, auch Sprachen als Spielzeug einzusetzen? Man kann dies für Kinder spannend und lehrreich zugleich tun.

Ferner: Die Mehrsprachigkeit gibt dem Kinde eine nuanciertere Auffassung von der Welt, und sie erleichtert den Erwerb von weiteren Sprachen. Das haben wir in unseren langjährigen Projekten festgestellt: Wenn jemand mit zwei Sprachen von Anfang an aufwächst, hat er es mit der dritten und vierten Sprache um vieles leichter.

Ist das etwas ganz Neues, was ich Ihnen hier gesagt habe? Sie werden staunen.
Schon in der Antike hat man sich Gedanken über Mehrsprachigkeit gemacht. Der Rhetoriker Quintilian, der auch Pädagoge war, hat ihren positiven Einfluss erkannt. Laut Quintilian sollte das Kind gleich von Anfang an eine weitere Sprache neben der Muttersprache lernen, damit die muttersprachlichen Kenntnisse des Kindes gefördert werden. Er hat es klar gesehen: Im Spiegel einer anderen Sprache sehe ich die Eigenarten meiner Sprache natürlich klarer. Wie aber kommt es dann, dass wir heute keine verbreitete frühe Mehrsprachigkeit in Deutschland haben? Auf diese Frage gehe ich etwas später ein, weil zuerst noch Folgendes auf eine Antwort wartet:

Wann und wie soll man mit der zweiten, dritten etc. Sprache anfangen?

Man soll so früh wie möglich anfangen. Hier gibt es ein gutes, fast 100 Jahre altes Rezept: eine Person eine Sprache. Das bedeutet, dass man konsequent sein muss. Wenn die eine Person mit dem Kind konsequent die Sprache A spricht und die andere die Sprache B, dann ist dieses Kind bis zur Schule zweisprachig. Spricht eine dritte Person, z.B. die Großmutter oder die Kindergärtnerin, noch die Sprache C, so wird das Kind ohne Schwierigkeiten dreisprachig sein. Kommt das Kind zur Schule, nimmt die Schulsprache leicht überhand, und man muss Wege finden, die Sprachen alle aktiv zu halten. Aber das ist nicht so schwer, weil die Kinder dann auch lesen können und mehr Kontakte haben. Ich habe das nicht nur in unserem Projekt, sondern auch in meiner eigenen Familie gesehen. Unser Sohn ist 28 Jahre alt, und er ist schon im Vorschulalter mit vier Sprachen vertraut geworden, die er dann als Fünfjähriger ohne weiteres auch lesen und schreiben gelernt hat: Estnisch, Schwedisch, Deutsch und Englisch. Dass er in der Schule Französisch ohne Schwierigkeiten erworben hat, konnte man voraussehen. Auch ich bin mehrsprachig aufgewachsen, betrachte aber Estnisch als meine Muttersprache. Wir sprechen in Hamburg nur Estnisch zu Hause, und würden wir plötzlich anfangen, Deutsch oder Schwedisch zu sprechen, dann wäre das ungefähr dasselbe, als wenn man die emotionale Atmosphäre wechselte. Alles wird steifer und distanzierter. Schon der Sprachenwechsel kann bei einem Mehrsprachigen Signalwert haben.

Für die Mehrsprachigkeit gilt also:
Je früher, desto besser, weil das Kind spielend lernt.

Vorschulkinder sind auch toleranter gegenüber Fehlern und Abweichungen, die sie selbst und andere machen. In unseren Schulen kommt das Kind etwa im Alter von zehn Jahren mit der ersten Fremdsprache in Kontakt. Das ist viel zu spät. Denn ein Zehnjähriger ist schon ein kritischer und erfahrener Muttersprachler und hat nicht mehr dieselbe Spontaneität wie ein Vorschulkind. Sprachliche Schwierigkeiten und Abweichungen in einer fremden Sprache werden in diesem Alter viel deutlicher wahrgenommen. Ein Fünfjähriger spricht und achtet nicht auf Fehler. Ein Zehnjähriger ist selbstkritisch, und wenn er nicht sicher ist, so sagt er kein Wort in der fremden Sprache. So bekommt er aber auch keine Kontakte und Möglichkeiten, die fremde Sprache zu hören und zu üben. Man sollte aber die Scheu vor dem Sprechen überwinden und gar nicht daran denken, ob man Fehler macht oder nicht!

Die Mehrsprachigkeit wird befestigt durch Sprechen und Hören, aber auch durch Lesen und Schreiben. Wir haben in den schon erwähnten Projekten auch frühes Lesen und Schreibenlernen geübt, und dies in zwei Sprachen. Natürlich alles in Spielsituationen. Die Kinder haben viel Spaß daran. Man hört die Kritiker sagen: "Die Kinder werden müde durch mehrere Sprachen. Sie werden überfordert." So etwas gibt es nicht. Schulkinder und Erwachsene können überfordert werden. Ein Vorschulkind schaltet ab und lässt sich gar nicht überfordern und lernt um so leichter. Gerade deshalb gilt es, mit Vorurteilen aufzuräumen, die Skepsis gegen frühe Mehrsprachigkeit verbreiten oder sogar deren Schädlichkeit für die kognitive Entwicklung des Kindes verkünden.

Wie kommt es denn überhaupt zu derartigen Vorurteilen in unserem sonst aufgeklärten Lande?

Ich habe gesammelt, was alles im Namen der Wissenschaft gegen die frühe Mehrsprachigkeit gesagt worden ist, und stelle fest, dass das nicht haltbar ist und dass es auf mangelhafte Untersuchungsmethoden zurückzuführen ist. Zum Beispiel Behauptungen, dass, wie schon erwähnt, Kinder überfordert werden, oder dass sie zur Persönlichkeitsspaltung geführt werden, oder dass sie zu stottern anfangen könnten, oder dass sie sich langsamer als andere entwickelten.

Das lächerlichste Argument, das eine Zeitlang in den USA und in Skandinavien verbreitet, war: Das menschliche Gehirn habe 100% für eine Sprache zur Verfügung; wenn Menschen zwei Sprachen haben, dann bleibe für jede nur 50%. Die Pseudowissenschaftler, die das verbreiteten, haben nicht nur keine Kenntnisse vom menschlichen Sprachvermögen gehabt, sondern scheinen auch in der Mathematik nicht gut abgeschnitten zu haben. Denn man muss, wenn man überhaupt derartige Vergleiche unternimmt, addieren oder multiplizieren, nicht dividieren. Wenn Sie eine Sprache haben, haben Sie 100 %, bei zweien sind es aber schon 200 % usw. Sie werden immer reicher. Ein großer Fehler bei derartigen negativen Behauptungen ist, dass man, wann immer Schwierigkeiten bei mehrsprachigen Kindern auftauchen, den Grund ohne weiteres in der Mehrsprachigkeit sieht. Als ob es bei einsprachig aufwachsenden Kindern keine Schwierigkeiten gäbe. Häufig können soziokulturelle und sozioökonomische Probleme der Grund sein.

Wie ist es zu den falschen Behauptungen gekommen? Ich habe viel zu diesem Thema veröffentlicht und glaube, die Wurzeln von ihnen und den Vorurteilen zu kennen. Am Anfang kamen die Vorurteile hauptsächlich aus Quellen, die mit den Nationalstaatsideologien verbunden waren. Ein Staat, ein Volk, eine Sprache, das waren die Schlagwörter, wobei Fichte und Herder Pate gestanden sind. Dann kamen Hitlers Rassentheoretiker, wie Epstein und Gali, die das Ganze wieder aufrollten. In unserem Jahrhundert waren es aber auch die großen Einwanderungsländer, z.B. die USA, in deren Interesse es war, dass die Einwanderer möglichst von der Meltingpot-ldeologie überzeugt wurden und ihre Muttersprachen aufgaben. Dabei ist Folgendes interessant: Es wurden nur Psychologen, nicht auch Sprachwissenschaftler, als Experten konsultiert, und es waren zwei Gruppen: Diejenigen, die anhand gründlicher wissenschaftlicher Untersuchungen für die Mehrsprachigkeit und für die Erhaltung der Muttersprache waren, die hat man gar nicht angehört. Man verließ sich auf diejenigen, die für die damalige Politik passten, die behaupteten, Mehrsprachigkeit sei schädlich für die Kinder. Auch heute kommt es in der Politik vor, dass die sogenannten Experten, die man anhört, immer die politisch jeweils passenden Experten sind. Die anderen sind unbequem, und die überhört oder vergisst man. Darum müssen aber gerade diese anderen ganz laut verkünden, dass man mit der Wissenschaftlichkeit nicht spielen darf. Man kann Vermutungen äußern, aber das ist dann keine Wissenschaft. Übrigens, in den USA hat sich die Lage seit den sechziger Jahren gänzlich geändert, seitdem auch Sprachwissenschaftler zu Wort gekommen sind. Es gibt da sogar ein Bilingual-Edacation-Gesetz.

Sprache ist Heimat

Wir stellen fest, dass es falsche Vorstellungen waren. Sie konnten entstehen, weil man vergessen hatte, dass Sprache viel mehr als nur ein Kommunikationsmittel ist, für viele ist Sprache die eigentliche Heimat. Ist es nicht so: Wenn niederdeutsch Sprechende sich in New York treffen, dann ist ein Stückchen Niederdeutschland da? Meine Heimat Estland, die geographisch für die 110 000 Esten in der freien Welt 48 Jahre lang kaum erreichbar war, wurde stets da lebendig, wo die Sprache war, und für unsere in der dritten Generation im Ausland aufwachsenden Kinder ist es ganz natürlich, dass sie die Sprache lernen. Schon der Philosoph und Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt sagte vor mehr als 150 Jahren: Sprache ist Heimat.

Man muss aufpassen: Die Entfremdung von der Heimat fängt ganz langsam an, und zwar so, dass man es beinahe nicht bemerkt, nämlich durch die Entfremdung von der Sprache. Es gilt, das zu verhindern. Häufig geschieht es durch irreführendes Prestigedenken, und Eltern empfehlen ihren Kindern: "Du sollst die richtige Sprache lernen, die andere brauchst du nicht." Woher wissen die Eltern, die ihren Kindern derartige Ratschläge geben und sie von der Muttersprache fernhalten, dass das Kind diese in seinem Leben nicht braucht? Wenn die "richtige" Sprache z.B. Hochdeutsch ist, braucht das doch nicht auszuschließen, dass man auch Niederdeutsch lernen, beherrschen und gebrauchen kann! Warum soll man sich einer Entweder-oder-Mentalität beugen, wenn man durch eine Sowohl-als-auch-Mentalität in Sprachenfragen menschlich reicher werden kann? Es gibt ja auch immer eine Art "Arbeitsteilung" zwischen den Sprachen eines Mehrsprachigen. Die Wirklichkeit fordert in der Regel nicht, dass er alle seine Sprachen in jeder Situation verwendet. Ein gutes Beispiel gibt uns Thomas Mann in seinen "Buddenbrooks". Der alte Konsul Johann Buddenbrook sprach mit vielen Geschäftsfreunden Hochdeutsch, in der feinen Gesellschaft Französisch, aber wenn er sich so richtig wohl fühlte und guter Laune war, dann sprach er Plattdeutsch.

Es gilt, die Eltern von der Nützlichkeit der frühen Mehrsprachigkeit zu überzeugen.

Der erste große Fehler, der von Bildungspolitikern und anderen Verantwortlichen gemacht worden ist, besteht in der Verunsicherung der Eltern. Der zweite, dass man bei uns immer noch zu spät mit der ersten Fremdsprache in der Schule anfängt. Nicht nur wurde in vielen Regionen Europas, also nicht nur bei uns, geltend gemacht, frühe Mehrsprachigkeit sei schädlich, sondern es wurden auch Dialekte diskriminiert. In vielen Teilen von Afrika und in Indien ist es immer natürlich gewesen, dass Kinder mit vier bis fünf Sprachen aufwachsen. Nur in Europa herrscht ein eigenartiger Provinzialismus auf diesem Gebiet. Und doch war im Mittelalter ganz Europa mehrsprachig. Auch dieses Gebiet hier war mehrsprachig. Es konnte in der Hansezeit kein hanseatischer Kaufmannsgeselle seinen Gesellenbrief erhalten, wenn er nicht nachweisen konnte, dass er außerhalb des Landes auf Wanderung gewesen war und eine fremde Landessprache konnte. Den Fürstensöhnen wurde mit der Goldenen Bulle aus dem Jahre 1356 verordnet, dass sie außer Deutsch von klein an drei Sprachen lernen müssten: Italienisch, Latein und Tschechisch. In der Aufklärungszeit war Französisch bei uns nicht nur in den oberen Schichten verbreitet. Wir haben auf die Gründe hingewiesen, die zur heutigen Lage geführt haben. Es gilt, die Eltern von der Nützlichkeit der frühen Mehrsprachigkeit zu überzeugen.

Wir nähern uns dem Ende unserer Überlegungen. Noch einen wichtigen Grund für Mehrsprachigkeit möchte ich erwähnen: Europa nach 1993. Die Europäische Gemeinschaft lässt viele plötzlich entdecken, wie nützlich die Beherrschung verschiedener Sprachen sein kann. Leute, die Sprachen können, haben da eine gute Zukunft. Gleichzeitig, und das, finde ich, wird immer mehr deutlich, fangen die einzelnen Nationen Europas an über ihre Identität nachzudenken. Wohin gehöre ich eigentlich? Wer bin ich? Zu behaupten, dass man ein Europäer sei, ist doch zunächst eine ziemlich abstrakte Feststellung. Man wird ja nicht direkt zum Europäer, man ist ja schon irgendwo verankert, und die Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn die eine Sprache oder die zwei oder drei Sprachen, die man von Anfang an gehabt hat, geben dem Menschen das, was er meines Erachtens im ganzen Leben braucht: Geborgenheit.

Wir brauchen unsere Geborgenheit auch sprachlich und kulturell im zukünftigen Europa.

Abschließend ein kleines Bild aus dem unmittelbaren Leben. In unserer Forschungsstelle in Hamburg leisten wir auch ehrenamtliche ratgeberische Tätigkeit. Da gibt es nicht selten Fälle, dass Erwachsene mit folgendem Problem zu uns kommen: "Meine Eltern haben unter sich Niederdeutsch gesprochen, aber mit mir immer nur Hochdeutsch, denn ich sollte ja was Besseres werden. Heute bereue ich es, dass ich Niederdeutsch nicht beherrsche. Ist es zu spät, es zu lernen?" Meine Antwort ist "Nein. Es ist nie zu spät, etwas zu lernen, wenn man es wirklich will, wenn man motiviert ist. Erwachsene lernen zwar ganz anders als Kleinkinder, aber ist man genügend motiviert, so überwindet man jegliche Schwierigkeiten." Dem Fragenden habe ich noch gesagt: "Wenn Sie Hochdeutsch und Niederdeutsch beherrschen, dann sind Sie im Vergleich zu den nur Hochdeutsch Sprechenden 'was Besseres', wenn man diesen Ausdruck überhaupt gebrauchen will. Denn Sie haben beides!" Damit möchte ich schließen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Els Oksaar,

geboren in Pärnu, Estland, ist Professorin für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft und Leiterin der von ihr gegründeten Forschungsstelle für Sprachkontakte und Mehrsprachigkeit an der Universität Hamburg.

Ihre zentralen Arbeitsgebiete umfassen Mehrsprachigkeitsforschung und interkulturelle Kommunikation, Psycho-, Sozio- und Pädolinguistik. Sie ist Mitglied mehrerer Akademien im In- und Ausland, Trägerin nationaler und internationaler Forschungspreise, Ehrendoktor der Universitäten Helsinki und Linköping, erste Präsidentin der International Association for the Study of Child Language, Fellow der Japan Society for the Promotion of Science, Tokyo, Mitglied des Wissenschaftskollegs zu Berlin und Mitglied des vom Bundespräsidenten berufenen Wissenschaftsrats der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Arbeiten sind auf deutsch, englisch, schwedisch, finnisch, estnisch, japanisch und koreanisch erschienen.

Zu ihren wissenschaftlichen Buchpublikationen gehören u.a.: